Rezension Fred Vargas – "Der verbotene Ort"

Ein hochspannender Kriminalroman der französischen Bestsellerautorin

Vargas: Der verbotene Ort - Aufbau-Verlag
Vargas: Der verbotene Ort - Aufbau-Verlag
Abgeschnittene Füße in London, ein zerquetschter Rentner in Paris und ein alter Vampirmythos - in diesem fabelhaften Krimi muss Kommissar Adamsberg an seine Grenzen gehen

17 Schuhe mit abgetrennten Füßen stehen am Beginn von Fred Vargas’ neustem Kriminalroman – und am Ende hat Kommissar Adamsberg nicht nur einen weiteren Sohn bekommen, sondern auch den wohl spannendsten Fall seiner Karriere gelöst.

Die Handlung des Romans "Der verbotene Ort"

Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg befindet sich mit Adrien Danglard gerade auf einem Kongress in London, als 17 abgetrennte Füße samt Schuhen am legendären Friedhof Highgate gefunden werden. Anfangs ist er durchaus erfreut, dass ihn dieser Fall nicht beschäftigen wird – zu erschreckend scheint der Hintergrund der Tat zu sein. Aber Adamsberg ahnt nicht, dass er in Paris mit einem weitaus grausameren Fall konfrontiert wird. Nach seiner Rückkehr aus London wird er an einen Tatort voller Blut gerufen. Der misanthropische Justizreporter Pierre Vaudel wurde brutal ermordet. Sein Körper wurde regelrecht zermalmt, von seinen Knochen ist kaum mehr etwas übrig. Die Pariser brigade criminelle ist ob des Anblicks schockiert und wähnt sich auf der Jagd nach einem Wahnsinnigen. Doch schon bald zeigen die Ermittlungen, dass ein gefährlicher Psychopath bei dieser Tat mit überlegtem Kalkül vorgegangen ist und er in Österreich eine ähnliche Tat begangen hat. Damit nicht genug: Durch einen Hinweis von Danglard erkennt Adamsberg Verbindungen zu den Schuhen in Highgate – und schon steckt er mitten in ereignisreichen Ermittlungen, die den Wolken schaufelnden Kommissar quer durch Europa führen und durchaus außer Atem bringen.

Das Spannungsrezept: Vampire und die Urängste des Lesers

Meistens spielen in Fred Vargas’ Geschichten legenden- und märchenhafte Motive eine wichtige Rolle. Auf diese Weise zieht sie die Leser in den "Kosmos Vargas", eine leicht entrückte, eigenwillige Welt. Zugleich appelliert sie damit aber auch an die Urängste ihrer Leser. In "Fliehe weit und schnell" war es die Pest und die damit verbundene Angst vor einer unheilbaren Seuche, in "Bei Einbruch der Nacht" der Werwolf und die Furcht vor dieser Kreatur. In "Der verbotene Ort" ist es der Vampir-Mythos, der den Leser in Spannung hält. Die schaurige Vorstellung eines Untoten, der nachts unter der Erde schmatzt und einen unstillbaren Blutdurst hat, ist seit Jahrhunderten ein furchterregendes Symbol, das Angst und Schrecken verbreitet.

Aber Fred Vargas' Kriminalromane sind keine einfachen Horror- oder Gruselgeschichten, sondern psychologisch ausgefeilte Romane. Deshalb sieht sich Kommissar Adamsberg – und damit der Leser – nicht nur mit der Angst vor Dämonen konfrontiert. Er muss sich auch der Angst stellen, dass er böses Blut vererbt haben könnte und lebendig begraben wird. Außerdem nutzt Fred Vargas – im Gegensatz zu anderen Autoren – den Mythos nicht für irrationale Erklärungen oder zur Ablenkung von Handlungslücken. Vielmehr führt sie die vielen Stränge und Ebenen ihrer Erzählung zu einer völlig logischen, aber dennoch überraschenden Auflösung. Deshalb überzeugt "Der verbotene Ort" mit einem ausgefeilten und durchdachten Plot.

Besonders gut: Die Weiterentwicklung von Kommissar Adamsberg

"Der verbotene Ort“ ist nicht nur ein ungewöhnlich guter Kriminalroman, sondern Fred Vargas ist auch das Kunststück gelungen, den Charakter ihres Protagonisten Adamsberg gekonnt weiterzuentwickeln. Im Gegensatz zu dem Vorgängerroman "Die dritte Jungfrau", in dem Adamsberg seiner Neigung zum Wolken schaufeln nahezu ungestört nachgehen konnte, muss er sich in "Der verbotene Ort" seinen Eigenheiten stellen und diese teilweise überwinden. Aus seinen Bemühungen, sich – entgegen seiner Schwäche – Namen und wichtige Details zu merken, entstehen wunderbare Momente und Motive. Außerdem ist am Ende des Romans deutlich spürbar, dass Kommissar Adamsberg sich verändern wird, aber dennoch nichts von seinem skurrilen Charme eingebüßt hat.

Ein Krimi für Vargas-Kenner und Ersttäter

"Der verbotene Ort" vereint alle Elemente eines guten Kriminalromans. Seine Handlung ist originell, durchdacht und überraschend. Die Figuren sind einzigartig, und alle Vargas-Kenner dürfen sich auf durchaus unverhoffte Wiedersehen mit Figuren aus der Vergangenheit und einige andere Entwicklungen innerhalb der Pariser brigade criminelle freuen. Vargas-Erstleser werden hingegen die Einzigartigkeit von Kommissar Adamsberg und seinen Kollegen zu schätzen wissen. Darüber hinaus kommt Fred Vargas’ einzigartiger Schreibstil auch in der deutschen Übersetzung zur Geltung. Kurzum: "Der verbotene Ort" ist ein verboten guter Kriminalroman, der Literaturliebhaber und Krimileser gleichermaßen begeistern wird.

Fred Vargas: Der verbotene Ort. Aufbau 2009. Gebundene Ausgabe, 423 Seiten. Euro 19,95 Euro.

Sonja Hartl - Als freie Kritikerin, Autorin und Redakteurin lese, arbeite und lebe ich in Bonn.

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